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13.2.2026-14.6.2026
Eroeffnung: 12.2.2026, 19 Uhr

Ausstellung

Anna Barham

delirious mantra


Anna Barham: Out of the gravel, IAC Villeurbanne, FR, 2022. Foto: Anna Barham Courtesy: The artist und Arcade, London

In einem digitalen Kontext, der uns dazu verleitet, an eine nahtlose und unmittelbare Kommunikation zu glauben, wird die körperliche Reibung in der Sprache zu etwas, das geglättet werden muss. Systeme wie die automatische Spracherkennung sind geprägt von hegemonialen Vorstellungen darüber, welche Stimmen zählen, welche Akzente lesbar sind und welche Formen der Sprache es wert sind, anerkannt zu werden. Was geht verloren, wenn Sprache ihrem Widerstand beraubt wird? Welche Arten des Sprechens und welche Körper werden an den Rand gedrängt?

Anna Barham (*1974, Sutton Coldfield), die ihre erste umfassende Einzelausstellung in Deutschland im Badischen Kunstverein präsentiert, entzieht sich dieser Glättung von Sprache und rückt stattdessen das Unübersetzbare und nicht Reduzierbare ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Dafür hat die Künstlerin über 20 Jahre hinweg eine eigene Schreibpraxis entwickelt, zunächst in Form von baumartigen Anagrammen, die als Wortspiele eine Neuanordnung von Buchstaben und somit eine stete Transformation poetischer Texte ermöglichen. Sprache wird mit dem Bildlichen und Performativen verbunden, um herauszukristallisieren, welche assoziativen Bedeutungen einem Wort inhärent sein können, die aber erst durch eine neue Verschiebung seiner einzelnen Teile zum Vorschein treten.

In der Videoarbeit Magenta, Emerald, Lapis (2009) beispielsweise arrangiert Barham die sieben Teile eines quadratischen Tangram-Puzzles auf einem Leuchtkasten neu, um eine Buchstabenfolge zu bilden – eine simple aber wirkungsvolle Transformation von Symbolen und Bedeutungen. Dieses Interesse an Sprache als plastisches Material ist in allen Arbeiten der Ausstellung präsent. In der raumgreifenden Arbeit Out of the gravel (2022/2026) legen sich Buchstaben und Texte über und unter die institutionelle Architektur und ihrer Ausstattung. Gedruckt auf einem 32 Meter langen Papier werden die Texte um Kabel und Schnüre, über Türen, Wände, Fenster und Ecken tapeziert und dabei fragmentiert; sie gehen verloren und tauchen wieder auf. Durch die verschiedenen Bewegungen und Leserichtungen der Betrachter:innen (vertikal, horizontal, vorwärts, rückwärts) unterliegt das fortlaufende Skript einer ständigen Neuinterpretation.
Die Ausstellung ist geprägt von Sounds und Stimmen – delirious mantras. In dem Video Sick Ardour (2017) beleuchtet die Künstlerin den Körper und den vertrauten Ruf einer Zikade und erkundet dessen Durchlässigkeit für Bild und Raum, während in dem 2-Kanal Video Double Screen (2013) ein großformatiger UV-Drucker Texte und Wörter als Produkte erstellt.

Seit 2013 arbeitet Anna Barham mit der Fehleranfälligkeit von Spracherkennungen, um neue Bedeutungen, Themen und Charaktere zu generieren. Indem sie sich mit der Umwandlung von Lauten aus dem Mund in Zeichenketten durch die Software beschäftigt, rückt sie die Materialität der Stimme, ihre Unterbrechungen und Auslassungen in den Vordergrund (Atmen, Lachen, Stottern, Stolpern).

Für Barham sind es genau diese Texturen und Prozesse des Verhörens, die das Potenzial der Stimme ausmachen. In ihrer neuen Soundarbeit ZYX (2026) betrachtet sie die durch automatische Spracherkennung verursachten Fehler als Halluzinationen und untersucht, inwiefern diese mit menschlichen Halluzinationen vergleichbar sind. Was zunächst wie ein falsch wahrgenommener Text anmutet, ist stattdessen eine neue Art des Denkens und Schreibens in radikaler Opposition zur Automatisierung, Normierung und Autorität.


Kuratiert von Anja Casser

Die Ausstellung wird gefördert durch den Innovationsfonds Kunst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.


Anna Barham (*1974, Sutton Coldfield) lebt und arbeitet in London. Sie arbeitet mit Video, Sound, Print, Installation und Performance. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Sprache, die sich zwischen verschiedenen materiellen Formen, Technologien und Körpern bewegt. Barham studierte Mathematik und Philosophie an der Universität Cambridge, bevor sie von 1997 bis 2001 Kunst an der Slade School of Fine Art in London studierte. 2019 war sie Artist in Residence am St John's College der Universität Oxford. Sie ist Dozentin an der Ruskin School of Art in Oxford sowie an der University of the Arts in London und schließt derzeit ihren praxisorientierten PhD an der Universität Oxford ab.
Zu ihren jüngsten Projekten gehören Every sound we make: dysfluency, voice, transcription, Feminist Duration Reading Group, CCA Goldsmiths, London, Großbritannien (2025); Magenta, Emerald, Lapis, The Tanks, Tate Modern, London, Großbritannien (2023); Des Voix Traversees, Institut D'Art Contemporain Villeurbanne FR (2022); Seasferic, Whitstable Biennale, Whitstable, Großbritannien (2022); /S/T/R/O/B/E////L/I/C/K////, Flat Time House, London, Großbritannien (2021); Liquid Crystal Display, Site Gallery, Sheffield, Großbritannien und MIMA, Middlesbrough, Großbritannien (2019) und A sentence can be ours and ours, Playground Festival, Museum M, Leuven, Belgien (2016). Sie hat die Bücher Poisonous Oysters (2019) und Return To Leptis Magna (2010) veröffentlicht, welches vollständig aus Anagrammen des Titels geschrieben ist. 2021 wurde ihr das Ruskin Erna Plachte-Stipendium verliehen, 2005, 2013 und 2017 erhielt sie GfA-Auszeichnungen des Arts Council England. Ihre Werke sind in bedeutenden Sammlungen vertreten, darunter die Tate, die Government Art Collection und das Victoria & Albert Museum in London, das SFMOMA in San Francisco und das Centro Galego de Arte Contemporánea (CGAC) in Santiago de Compostela.

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