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8.10. – 5.12.2021
Eröffnung: Donnerstag, 7.10.2021

Ausstellung

Ulrike Grossarth

gibt es ein grau glühend?...

 Aus dem Tanz kommend widmet sich Ulrike Grossarth (*1952, Oberhausen, DE) ab den 1980er Jahren der bildenden Kunst, wobei die Künstlerin selbst betont, dass sie weniger an der Herstellung von Kunstwerken interessiert ist, als vielmehr Denkräume schaffen möchte, die verfügbar, erfahrbar, radikal und anschaulich sind. So beschäftigt sich Grossarth in ihren früheren künstlerischen Arbeiten mit der Veranschaulichung ökonomischer Begriffe und fiktiver Tauschaktionen, die sie in den so genannten „public exercises“ als „Übungsreihen zur Überwindung fixierter Kulturmodelle“ in den 1990er Jahren in Berlin performativ behandelte. Im Programm zur Ausstellung wird Grossarth die „public exercises“ re-inszenieren.

Später widmete sich die Künstlerin der mittel- und osteuropäischen Geistesgeschichte, respektive der verloren gegangenen jüdischen Geschichte im polnischen Lublin. Es entstanden Material-Ensembles aus einem über Jahre hinweg angelegten Archiv aus Fotos, Postern, Zeitungsausschnitten und fotografischen Recherchen. Texte, Zeichnungen, Projektionen, Symbole, Allegorien, Figuren, performative Formate und Inszenierungen von sozialen Ereignissen sind Formate und Motive, mit denen die Künstlerin den vakanten Räumen der Moderne, den Leerstellen und vergessenen Orten und Narrativen im Regelwerk westlicher Gesellschaften nachgeht. So wird jede Art von Form nicht als absolut begriffen, sondern als bedingt gesehen. Beeinflusst durch die Formensprache der Encyclopédie Diderot & D’Alembert und Hannah Arendts Vorstellung vom Handeln als eine „in der Kultur noch zu entwickelnde Größe“ kommt Grossarth zu einer einzigartigen Methode der künstlerischen Forschung, in der sich Materialien verschiedener Kulturen, Geografien und Geistesgeschichten begegnen, um neue kulturelle Milieus zu schaffen. Besonders in den Lubliner Projekten, die Grossarth seit 2006 in Polen und der Ukraine veranstaltet, hat sie die Möglichkeit einer komplexen Verknüpfung verschiedener kultureller, geografischer und mentalgeschichtlicher Stränge angewendet.

Die gemeinsam mit der Künstlerin intensiv aufzuarbeitende Präsentation in Karlsruhe nimmt genau diesen Blick auf die Arbeitsweisen und Methoden zur Übersetzung kulturgeschichtlicher Phänomene ernst, indem die Materialsammlungen aus dem umfangreichen Archiv Grossarths in Vitrinen gezeigt werden und sich zugleich in raumgreifende Ensembles ausfalten. Das zentrale Ensemble Bau I (1989-97), das 1997 auf der documenta x zu sehen war, ist paradigmatisch für Grossarths künstlerische Herangehensweise, indem sie als Handlung verschiedene Gegenstände auf einem Tisch so arrangiert, dass sie kollektiv zusammen stehen, bewusst unterschiedslos und mengenhaft arrangiert werden und die Vorstellung vom Solitär oder Objektstatus obsolet wird. Diese Studie zu „unbewegten Gegenstandskörpern“ beruft sich auf Grossarths intensive Untersuchung zum Objektbegriff des 20. Jahrhunderts (Duchamp, Warenfetisch, Objektstatus). Bau II rot/grün-grau ist eine Weiterführung von Bau I und zeigt bildnerisch-plastisch den Versuch, das Spannungsfeld des Komplementären zu überwinden und stattdessen nach einem „vorsprachlichen“ Formenkanon zu suchen, in dem Farben zu zentralen Merkmalen der Objekte werden.

In der Schule von Lublin und dem seit 2015 initiierten Projekt SYMBOL gotowe / sklep als Raum für temporäre Interventionen und Ausstellungen überführt Grossarth ihre Recherchen zur jüdischen Geschichte der Stadt in eine konkrete Lehrtätigkeit. Sie untersucht mit Studierenden die vielfältigen historischen Schichten Lublins, das als Zentrum des Chassidismus in Polen, aber auch als Ausgangspunkt eines beispiellosen Vernichtungsfeldzugs des NS-Regimes eine wechselvolle Geschichte hat. Stoffe aus Lublin (2007/10) bezieht sich auf Grossarths intensive Auseinandersetzung mit dem Archiv des Fotografen Stefan Kielsznia. Werbetafeln von Schneidereigeschäften in Lublin und Stoffe aus dem Textilmuseum in Łódź werden mit Figuren und Fragmenten aus bildnerischen Quellen unterschiedlicher Epochen des Abendlands kombiniert (aus Diderot und d’Alembert, aus Kupferstichen des Alchemisten Michael Meier, aus der Iconologia des Cesare Ripa).

Ulrike Grossarths neue Arbeit für den Kunstverein knüpft an ihre plastisch-installative Umsetzung ökonomischer Begriffe in Modellen an und bestimmt einmal mehr Hannah Arendts Grundtätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns zum essentiellen Fundament. 

Die Ausstellung wird gefördert von der Stiftung Kunstfonds und der Baden-Württemberg Stiftung.

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