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04.05.-01.07.2018
Donnerstag, 3. Mai 2018, 19 Uhr

200 Jahre // Ausstellung

KwieKulik

Ausstellung im Rahmen der 24. Europäischen Kulturtage

Unter dem Titel SHE and HE zeigt der Badische Kunstverein die erste umfangreiche Retrospektive des polnischen Künstler*innenduos KwieKulik in Deutschland. Es ist zudem die erste große Ausstellung im Jubiläumsjahr des Kunstvereins und findet im Rahmen der 24. Europäischen Kulturtage Karlsruhe statt. 

Zwischen 1971 bis 1987 arbeitete Zofia Kulik mit ihrem damaligen Partner Przemysław Kwiek unter dem Namen KwieKulik. Die Pionierarbeit von KwieKulik hat nicht nur die Geschichte der polnischen Kunst der Nachkriegszeit, sondern auch die der europäischen Avantgarde neu geschrieben. 

Bereits während ihres Studiums an der Kunstakademie in Warschau entwickelten die Künstler*innen radikale und interdisziplinäre Methoden innerhalb der existierenden kulturellen und politischen Prozesse im sozialistischen System. Neben ihres Arbeitens mit Fotografie und Film erweiterten KwieKulik die üblichen Formatgrenzen von Installation, Skulptur und Performance. Sie selbst prägten für ihre Kunst den Begriff der „Aktivitäten“, um das freiheitliche und improvisierte Potential in allen seinen Facetten zu erfassen. 

Beeinflusst durch die Theorie der „Open Form“ des an der Warschauer Kunstakademie lehrenden Architekten Oskar Hansen sowie die verschiedenen Übungen ihres Professors Jerzy Jarnuszkiewicz, der alltägliche und volkstümliche Objekte in skulpturale und performative Prozesse einführte, entwickelten KwieKulik eine eigene, performative Strategie, die sich ganz bewusst von den formalen Regularien der Moderne abwandte und auch die Prinzipien der Konzeptkunst unterwanderte. Ihr Interesse galt vielmehr der Entstehung neuer, ephemerer und prozessorientierten Medien und Materialien, die ihrem künstlerischen und  politischen Denken entsprachen. Dabei widmeten sie sich ebenso intensiv den Errungenschaften wissenschaftlicher Methoden in Mathematik, Kybernetik und Praxeologie (Lehre vom menschlichen Handeln). 

Für KwieKulik waren Politik und Kunst, öffentlich und privat, untrennbar miteinander verbunden. Ihr Interesse galt einer radikalen Neuinterpretation der Rolle der Künstler*innen in der Gesellschaft. Die künstlerische und private Existenz des Paares wird zum Modell einer fortlaufenden politischen Aktion. Zudem artikuliert sich ihre Kunst hauptsächlich in kollektiven Prozessen und die Autorschaft wird zugunsten der Gemeinschaftlichkeit aufgegeben. Spiele, Gruppen- und Interaktionen sind nur einige der pädagogischen Mittel, die KwieKulik seit den frühen 1970er Jahren anwendeten, um  Teilnehmer*innen in ihre künstlerische Arbeit einzubeziehen und unbegrenzte Kommunikation zu ermöglichen. In der Ausstellung werden einige dieser kollektiven Arbeiten, wie Excursion (Group Action, 1970), Open Form (1971) oder ausgewählte Projekte aus der Werkgruppe Visual Games zu sehen sein. KwieKulik erfanden auch eigene Terminologien, um ihren visionären Methoden einen Namen zu geben. „Parasitic Art“ beschreibt beispielsweise KwieKuliks Aktionen mit Arbeiten anderer Künstler*innen, ähnlich wie „Commentary Art“, das eigene oder andere Werke künstlerisch kommentiert. „Consciously Bad Art“ widmet sich der schwierigen Aufgabe, als professionelle/r Künstler*in eine bewusst schlechte Arbeit zu produzieren. 

Neben frühen Arbeiten aus der noch individuellen Praxis Zofia Kuliks und Przemysław Kwieks ermöglicht die Ausstellung einen Einblick in die verschiedenen Stationen der kooperativen, integrativen und interdisziplinären Kunst KwieKuliks. Die zentrale und wohl bekannteste Arbeit Activities with Dobromierz (1972-74) ist auch ein wichtiges Schlüsselwerk im Kunstverein. Die photographische Serie zeigt multiple, sich nach mathematischer Logik orientierende Settings mit dem neugeborenen Sohn des Künstlerpaares. Sie leitet einen Komplex von Projekten ein, in denen Kunst und Leben eng miteinander verbunden sind. Eine Serie von Arbeiten unter dem Titel Earning Money and Making Art visualisiert beispielsweise verschiedene Ansätze, in Auftrag gegebene Arbeiten (öffentlicher Bereich) und nicht in Auftrag gegebene Kunst (privater Bereich) miteinander in Kontakt zu bringen. Ihre als Hackworks (Routinearbeiten) betitelten Arbeiten beziehen sich dabei auf die staatlichen Auftragswerke KwieKuliks, die sie zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes ausführen mussten und die eigentlich kreativ sein sollten, aber durch die Vorgaben stark limitiert blieben. Die Ausstellung endet mit einer Gruppe von Arbeiten, die unter der Rubrik „He and She“ die Aktionen KwieKuliks in den 1980er Jahren aufzeigen, die einen Wendepunkt in ihrer Zusammenarbeit markieren. In dieser Zeit begannen die beiden Künstler*innen ihre Rollen als „He“ (Expert) und „She“ (Expert) genauer und unabhängiger voneinander zu definieren. Die Kunst dieser Zeit ist weniger improvisiert und spontan, dafür mehr bildhaft und nach präzisen Vorgaben ausgeführt. 

Aufgrund des oftmals ephemeren und laborhaften Charakters der Projekte – besonders aus den 1970er Jahren – ist die Präsentation dokumentarisch, versucht aber zugleich den mehr bildorientierten Arbeiten der 1980er Jahre gerecht zu werden. In 1974 eröffneten KwieKulik einen eigenen Kunstraum in ihrem Zweizimmerappartement in Warschau. PDDIU – Studio of Activities, Documentation and Propagation – lud zu regelmäßigen öffentlichen Treffen ein, um Kunst zu zeigen und zu diskutieren. Künstler*innen blieben auch für längere Zeit Gäste in dem PDDIU. Das der Ausstellung zugrundeliegende KwieKulik- Archiv, das für die Präsentation von Zofia Kulik aufbereitet und neu zusammengestellt wurde, entstand im Kontext von PDDIU und umfasst Fotografien, Dias, Filmmaterial, Texte, Zeichnungen und Drucke. Es ist die größte Sammlung prozess- und kontextorientierter Kunst in Polen. Zwei aktuelle Videoarbeiten Zofia Kuliks sind in die Ausstellung integriert und dokumentieren ihr heutiges Leben und Arbeiten mit diesem Archiv. SHE and HE versteht sich dabei nicht nur als ein Versuch der Kontextualisierung einer immens umfangreichen künstlerischen Produktion, sondern fragt auch nach den gegenwärtigen und zukünftigen Möglichkeiten eines Umgangs mit diesem und weiteren künstlerischen Archiven.

Kuratiert von Anja Casser

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