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08.09.-26.11.2017
Eröffnung: Donnerstag, 7. September, 19 Uhr

Ausstellung

Lubaina Himid

The Truth is Never Watertight

Der Badische Kunstverein freut sich, die Künstlerin Lubaina Himid in einer ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland zu präsentieren. Als Künstlerin, Autorin und Lehrerin widmet sich Himid der Repräsentation des schwarzen Körpers in Kunst und ihren Diskursen und hinterfragt westliche Stereotypen und Klassifikationen. Sie war eine der ersten Aktivistinnen in der Black Arts Bewegung in den 1980er und 90er Jahren und kuratierte eine Anzahl siginifikanter Ausstellungen von schwarzen Künstlerinnen. The Truth is Never Watertight zeigt Werke aus den 1980er Jahren bis heute und umfasst neben Malerei auch so genannte Cut-Outs, bemalte Objekte aus Holz sowie Arbeiten auf Papier. Die Ausstellung zeigt zudem Archivmaterial aus der eigenen Sammlung Himids, in der sie Kunstwerke und Kataloge von und über schwarze Künstler*innen aus den 1980er und 90er Jahre zusammentrug. Im Kontext der Ausstellung erscheint eine erste umfangreiche Publikation zu den Arbeiten Himids in Kooperation mit Modern Art Oxford, Spike Island (Bristol) und Nottingham Contemporary. Lubaina Himid wurde in diesem Jahr für den Turner Prize nominiert.

Am Anfang ihrer künstlerischer Praxis wählte Himid Malerei als Medium, das ihr erlaubte, den westlichen Mythos von „Afrika” zu dekonstruieren. Die „schwarze Präsenz sichtbar zu machen” ist ein zentrales Motiv, dass sich durch alle ausgewählten Arbeiten der Ausstellung im Kunstverein zieht. Malerei wird von Himid aber nicht nur in der Fläche umgesetzt, sondern erweitert sich über bemalte gefundene Objekte oder aus Holz produzierte und colorierte Figuren – so genannte Cut-Outs – in den Ausstellungsraum hinein. Einige dieser Cut-Outs aus der Serie Vernets Studio (1994) werden in der Ausstellung erstmals wieder zu sehen sein und fordern das kollektive Gedächtnis sowie die Festschreibung kunstgeschichtlicher Tatsachen heraus. Himid studierte in den 1970er Jahren zunächst Theaterdesign und ihr Interesse an räumlichen Inszenierungen führt zu bühnenartigen Kompositionen in und außerhalb ihrer Bilder oder wie die Künstlerin selbst einmal erklärte: „Es kanalisiert den Wunsch, Kunst im Raum zu haben, präsent, in diesem Augenblick, und nicht entfernt und gerahmt innerhalb eines Rechtecks”. Das Theater eröffnete zudem die Möglichkeit eines politischen Denkens und Agierens, zunächst ganz real auf der Straße und dann auch in den imaginären Räumen ihrer Werke.

Himids Malerei verführt und provoziert zugleich. Ihre Bilder sind größtenteils figürlich, von leuchtender Farbigkeit und unmittelbarer Präsenz. Flucht und Migration sind zentrale Themen, ebenso wie Fragen zur Identität und Herkunft sowie zum Verlust von kollektivem Wissen. Auffällige Muster auf Textilien, Wänden und Fliesen finden sich in vielen Darstellungen, entwickeln eine eigene Sprache (‘speaking clothes’) und gehen auf den Einfluss afrikanischer, europäischer oder islamischer Ornamentik zurück. Eine Serie auf Papier gemalter Kangas (2008-2012) bezieht sich beispielsweise auf herkömmliche Muster und Motive eines traditionellen ostafrikanischen Kleidungsstücks, erweitert es aber um eigene Texte, die von Gefahr und Überlebenswillen handeln. Diese Atmosphäre zwischen Harmonie und Dissonanz ist charakteristisch für die Werke Lubaina Himids, die oftmals erst auf den zweiten Blick eine von geschlechtlicher und rassistischer Unterdrückung oder kolonialem Trauma gezeichnete Wirklichkeit visualisieren. So beispielsweise in der aktuellen Serie Le Rodeur (2016-17), in der zum Teil recht elegant gekleidetete Personen in bunten, aber surrealen Räumen aufeinandertreffen und ihre starren Körperhaltung eine Form der Entfremdung und des Unbehagens bereits erahnen lassen. Tatsächlich beziehen sich Details wie Titel auf ein Ereignis im Jahr 1819, als auf einem Sklavenschiff alle verklavten Passergier*innen und ein Großteil der Besatzung an einer Augenentzündung erkrankten und erblindeten. In den Bildern aus der Serie Plan B (1999/2000) wiederum sind die gemalten, leeren Räume seltsam unbestimmt, könnten Orte der Zuflucht oder auch der Gefangenschaft sein. In der eindrucksvollen Installation Drowned Orchard: Secret Boatyard (2015) schließlich fächern sich sechzehn an die Wand gelehnte, bemalte Holzpanele in immer größer werdenden Winkeln in den Raum hinein. Die gemalten Motive aus Muscheln, Fischen, Flaggen oder Booten umfassen die verschiedensten Orte und Kulturen. Die Symbolik des Meeres – ein häufig wiederkehrendes Motiv – assoziiert die Mobilität von Menschen, aber auch verlorene Orte und die Gefahr des tiefen Ozeans.

Seit 2007 untersucht Lubaina Himid die bildliche und textliche Präsenz schwarzer Personen in britischen Tageszeitungen. Sie stellte fest, dass die Berichte auf subtile, aber fortlaufende Weise die Identität der abgebildeten Personen unterwandern und die immer noch seltene Darstellungen schwarzer Persönlichkeiten – außer im Fußball oder Rugby – oftmals nur genutzt werden, um eine Lücke zu füllen oder eine Erzählung anzureichern. Um auf diesen unangemessenen Umgang hinzuweisen, bemalt Himid ausgewählte Seiten aus der Zeitschrift The Guardian mit erfundenen und traditionellen ostafrikanischen Mustern und Formen. Die Ausstellung präsentiert einen umfangreichen Auszug aus dieser fortlaufenden Werkserie mit dem Titel Negative Positives (2007-2016).

The Truth is Never Watertight bezieht sich auf ein Zitat von Walter Benjamin und spricht von der Tatsache, dass vieles von dem, was man von der Wahrheit erwartet, eigentlich durch das Netz entgleitet. Himids Interesse gilt genau diesen undichten Stellen in der Überlieferung vermeintlicher Wirklichkeiten. Ihr Werk widmet sich der kritischen Befragung festgeschriebener Formen und öffnet so den Blick für ein Vokabular jenseits westlicher Historiographie.

Kuratiert von Anja Casser

Lubaina Himid (*1954 in Sansibar, Tansania, lebt und arbeitet in Preston, UK) ist Professorin für zeitgenössische Kunst an der University of Central Lancashire. Während der letzten 30 Jahre hat sie ihre Werke zahlreich ausgestellt, sowohl in Großbritannien als auch international u.a. Spike Island, Bristol (solo); Modern Art Oxford (solo); Folkstone Triennale, UK; Nottingham Contemporary (group); Van Abbemuseum, Eindhoven (group); 14. Istanbul Biennale; Gwangju Biennale; Tate Britain, London; Tate St. Ives, Transmission Gallery Glasgow und Chisenhale Gallery, London.

Himids Arbeiten sind in zahlreichen Sammlungen vertreten, u.a. Tate Britain, London; Victoria & Albert Museum, London; Arts Council Collection, London; Manchester Art Gallery; The Walker Art Gallery, Liverpool und dem Harris Museum and Art Gallery, Preston.

Lubaina Himid wird von der Galerie Hollybush Gardens in London vertreten.

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