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24. April - 14. Juni 2009
Eröffnung: 23. April 2009, 19 Uhr

Ausstellung und Filmreihe

Come in, friends, the house is yours!


links: Luca Frei, o.T., 2003
rechts: Martin Beck, expandable, portable, viewable (Version Badischer Kunstverein Karlsruhe), 2006/2009
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2009
Foto: Stephan Baumann

Martin Beck, Erick Beltrán, Dani Gal, Luca Frei, Sharon Hayes, Martin Kaltwasser/Folke Köbberling, Achim Lengerer, Katrin Mayer, Rimini Protokoll, Julika Rudelius, Alexander Vaindorf, Florian Wüst

„Come in, friends, the house is yours!“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Badischen Kunstverein, der Kinemathek Karlsruhe und dem Künstlerhaus Stuttgart. Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen und eine Filmreihe finden in beiden Städten statt und verknüpfen sich inhaltlich miteinander. Das Projekt thematisiert Prozesse der Gemeinschaftsbildung und demokratischen Mitbestimmung. Im Zentrum stehen die verschiedenen Methoden und Strategien, über die sich gesellschaftliche Identifikation und Teilhabe vermitteln. Dazu zählen konkrete Ansätze wie etwa partizipative Verfahren, politische Abstimmungsprozesse oder pädagogische Herangehensweisen, bildhafte Formen oder Symbole, über die sich Gemeinschaft darstellt. Die künstlerischen Medien und Formate reichen dabei von Zeichnungen, Fotografien und Filmen über räumliche Installationen und Skulpturen bis hin zu Aktionen und Workshops.

Mit welchen Bildern, Symbolen und Rhetoriken wird die Identifikation des Einzelnen mit einer sozialen, politischen, ökonomischen oder kulturellen Idee argumentiert? Wie greift die heutige Gesellschaft auf kollektive Sprach- und Bildgedächtnisse zurück, um Gemeinschaft zu konstituieren und welche Mechanismen des Ein- oder Ausschlusses bedingt dieser Konsens wiederum? Aber vor allem: Was für neue Aktionsräume ergeben sich aus einer Beschäftigung mit den visuellen und sprachlichen Grenzen gegenwärtiger Gesellschaftsformen? Das Projekt geht von der Annahme aus, dass sich Gemeinschaften über ein geteiltes Bild- und Sprachvokabular herstellen. Institutionen wie Schulen, Universitäten, Parlamente, aber auch Kultureinrichtungen spielen dabei eine entscheidende Rolle, indem sie normative Vorstellungen und Ideen einüben. „Come in, friends, the house is yours!“ reflektiert die ambivalente Funktion von Bildung und Vermittlung und sensibilisiert für die Möglichkeit neuer Produktivität im Konflikt. Dem französischen Philosophen Jacques Rancière zufolge wird nur durch ein kritisches Hinterfragen der etablierten „Aufteilung des Sinnlichen“ politisches Handeln wieder möglich .

Die Beiträge in den Ausstellungen und der Filmreihe verdeutlichen die Komplexität von kommunitären Prinzipien, ihre (widerständischen) Freiräume und Möglichkeiten, aber auch ihre staatliche Instrumentalisierung. Die Künstlerinnen und Künstler befassen sich dabei vor allem mit der Funktion von Sprache und Bild in diesen Prozessen, insbesondere in Bezug auf Fragen der Erziehung und Wissensvermittlung. Während einzelne Arbeiten die Funktion von Bildungsinstitutionen oder die Mechanismen staatlicher, gesellschaftlicher oder marktorientierter Repräsentation diskutieren, widmen sich andere Beiträge eher methodischen Fragen zur Vermittlung über Text und Bild. An diese Diskussion schließt auch die Filmreihe an, in der Re-Education-Filme einen Schwerpunkt bilden. Diese Filme wurden im Nachkriegsdeutschland zum wichtigsten Mittel einer Imagekampagne der westlichen Alliierten, um eine spezifische Idee von Demokratie und Marktwirtschaft massenwirksam zu verbreiten.

Der Titel des gesamten Projektes bezieht sich auf ein Zitat des brasilianischen Theaterautoren und Pädagogen Augusto Boal. Die von ihm entwickelten experimentellen Theaterformen sollten die traditionellen Rollenverteilungen überwinden und waren explizit als Foren politischer Verhandlung angelegt. In ihrer Beschäftigung mit dem aufklärerischen Potential von Sprache finden auch viele der künstlerischen Arbeiten zu einer formalen Anlehnung an das Theater – sei es im bühnenähnlichen Aufbau von Installation und Skulptur, durch die Herausforderung der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion oder in der dramaturgischen Inszenierung von Bild und Text.

In unmittelbarer Nähe zum Kunstverein befindet sich die „Bühne“ des Bundesverfassungsgerichts als gläserne Architektur, die einen öffentlichen Einblick auf die Gerichtsverhandlungen suggeriert. An diese repräsentative Vorstellung „demokratischer Gestaltung“ schließt eine weitere Ebene des Projekts an, die sich hauptsächlich im Veranstaltungsprogramm artikuliert. Demokratische Prinzipien wie Transparenz, Freiheit, Bürgerbeteiligung und –rechte spiegeln sich hier auf einer gestalterischen Ebene wider und werden in Bezug auf die offiziellen Bauten von Politik und Gesellschaft sowie den privaten Wohnbereich am Beispiel der Dammerstock-Siedlung diskutiert.

Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Künstlerhaus Stuttgart (Eröffnung 30. April 2009), die Filmreihe (Kurator Florian Wüst) mit der Kinemathek Karlsruhe und das Veranstaltungsprogramm mit der Universität Karlsruhe (TH), Fakultät für Architektur, Institut für Bildende Künste sowie dem Projekt „80 Jahre Dammerstock - Siedlung des Neuen Bauens“ statt.

Der Beitrag von Julika Rudelius wurde mit freundlicher Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande realisiert.

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Sharon Hayes, In the Near Future, Vienna, 2006
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2009
Foto: Stephan Baumann

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vorne: Rimini Protokoll, Deutschland 2, 2002
hinten: Florian Wüst, Ohnemichel im Glück, 2009
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2009
Foto: Stephan Baumann

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Julika Rudelius, Rites of Passages, 2008
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2009
Foto: Stephan Baumann

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Katrin Mayer, Check Point Charlie, 2009
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, 2009
Foto: Stephan Baumann

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Erick Beltrán, Die Morelli Zeitleiste von Karlsruhe, 2009
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2009
Foto: Stephan Baumann

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Martin Kaltwasser/Folke Köbberling, TISCH, 2009
Ausstellungsansicht, Badischer Kunstverein, 2009
Foto: Stephan Baumann