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03.02.-01.05.2017
Eröffnung: Donnerstag, 2. Februar, 19 Uhr

Ausstellung

Josef Dabernig

Stabat Mater


Josef Dabernig, Stabat Mater, 2016, Filmstill - © Bildrecht, Wien. Courtesy Josef Dabernig und Wilfried Lentz, Rotterdam

Unter dem Titel Stabat Mater zeigt der Badische Kunstverein eine umfangreiche Einzelausstellung des Künstlers Josef Dabernig (*1956). Im Zentrum der Präsentation steht der vom Badischen Kunstverein und der Kunsthalle Winterthur co-produzierte Film Stabat Mater (2016), der erstmals in Deutschland gezeigt wird. Die Ausstellung verbindet von Filmen über Fotografien und Textarbeiten bis hin zu Objekten verschiedene Medien und Formate. Sie definieren Dabernigs Praxis als einen erweiterten bildhauerischen Zugang, der letztlich in den Filmen als Synthese seinen Ausdruck findet.

Bereits in seinen frühen Arbeiten widmete sich Josef Dabernig Prozessen der Konditionierung und Selbstdisziplin. Statt nach Vorlagen zu modellieren, wie es in seinem Studium der Bildhauerei an der Wiener Kunstakademie noch gefordert wurde, zeichnete und vermaß er dreidimensionale Objekte und übertrug seine Ergebnisse in Tabellen und Diagramme. Struktur und Ritus dienen ihm dabei zur Konzentration und Ordnung. Das Streben nach Disziplin ist akribisch, dabei aber auch von Humor und einer gewissen (Selbst-)Ironie begleitet. 1977 kopierte Dabernig das Buch „Schönheit und Verdauung oder die Verjüngung des Menschen durch sachgemäße Wartung des Darmes“ (1920) des Arztes Franz X. Mayr Seite für Seite mit der Hand und begreift diesen Akt als Meditation oder Katharsis; Begriffe, die seine Praxis fortan begleiten werden. Zur gleichen Zeit fing Dabernig an, seinen alltäglichen Zigarettenkonsum (von maximal vier Zigaretten pro Tag) zu notieren und später dann die Texte von Eintrittskarten besuchter Fußballspiele zu exzerpieren; beide Arbeiten werden in der Ausstellung im Kunstverein gezeigt. Indem der Künstler die Handlung des Kopierens ins Zentrum seiner Arbeit setzt, konterkariert er die konventionellen Vorstellungen von Originalität und Authentizität.

Josef Dabernig bezeichnete seine Praxis einmal selbst als den „Versuch einer Sublimierung des kleinbürgerlich-katholischen Erziehungsmodells“, dem er als Kind und Internatsschüler ausgesetzt war. Leibesübung, Körperdisziplin, Sport und Leistung finden sich so auch als Motive in zahlreichen Arbeiten des Künstlers. Seit 1989 fotografiert Dabernig beispielsweise Fußballstadien und Sportplätze als Langzeitprojekt und stellt aus den einzelnen Fotografien Panoramen zusammen, von denen einige im Kunstverein zu sehen sind. Auch diese Fotografien folgen einem genauen Ritus: Immer von der Mitte eines Fußballfeldes aus wird die Stadionarchitektur in sechs Segmenten fotografiert. Es sind nicht die ekstatischen Momente der Spiele, die Dabernig dokumentiert, sondern die Skelette ihrer menschenleeren Stadien. Das ist auch Thema seines ersten Kurzfilms Wisla (1996). Zu sehen sind zwei Fußballtrainer und ihre typischen Gesten zur Kommentierung eines Spielverlaufs. Während auf der Tonebene ein mitfieberndes Publikum zu hören ist, zeigt die Bildebene ein in Wirklichkeit leeres und verfallenes Stadion.

Diese Dialektik von gefilmter und konkreter Wirklichkeit sowie zwischen divergent konzipierter Bild- und Tonebene liegt als strukturelles Prinzip dem Großteil von Dabernigs Filmen zugrunde. Typisch sind auch die verfallenen Bauten einer einstmals utopischen Moderne als Filmkulisse, in der die Protagonisten seltsam indifferent aufeinander treffen und sich die Handlung eher schleppend fortbewegt. So auch in seinem neuem FilmStabat Mater, der in einem italienischen Thermalhotel spielt, dessen klassizistisch anmutende Architektur in eine bizarre Felslandschaft eingebettet ist. Innen- und Außenaufnahmen wechseln sich rhythmisch ab, die Atmosphäre gleicht der einer trägen Nachsaison, in der sich die wenigen verbliebenen Hotelgäste dem Nichtstun hingeben. Im Innenraum werden die Bilder von den trauernden Orgelklängen der von Christoph Herndler realisierten Bearbeitung eines „Stabat Mater“-Themas von Schubert begleitet, während die Außenaufnahmen von der Erzählstimme eines von Bruno Pellandini verfassten Textes unterlegt sind. Der Textberichtet von einer Rinderfarm im Angesicht einer katastrophalen Dürre in Uruguay. In Stabat Mater werden so zwei grundverschiedene Erzählungen ineinander montiert, um schließlich – nach Überwindung des Irritationsmoments – zu einer neuen Geschichte zu gelangen. Dieses konzeptuelle Spiel der „lustvollen Narrationsverschiebung“ (Georg Schöllhammer) erlaubt Freiräume der Imagination, die Bild und Ton so zunächst nicht vorgeben. Und tatsächlich liegt ein diffuses Unglück über der Szenerie, ein drohendes Leid, das durch den Schmerz der Mutter Jesu in dem titelgebenden Gedicht „Stabat Mater bereits anzuklingen scheint.

Der Film Stabat Mater, aus Fördermitteln der Abteilung Film des Bundeskanzleramts Österreich basisfinanziert, wurde vom Badischen Kunstverein gemeinsam mit der Kunsthalle Winterthur co-produziert.

Kuratiert von Anja Casser

 

Josef Dabernig (*1956 in Kötschach-Mauthen) lebt und arbeitet in Wien.
Dabernig studierte Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
Seit 1996 entstehen Kurzfilme, die in internationalen Ausstellungen und auf Filmfestivals gezeigt werden.
Einzelausstellungen (Auswahl):Proposal for a New Kunsthaus, not further developed, Galerija Nova, Zagreb (2017); Stabat Mater, Kunsthalle Winterthur; River Plate, Lulu, Mexico City (2016); Grids, Wilfried Lentz, Rotterdam (2015); Rock the Void, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien (2014);textual photography, tranzit workshops, Bratislava; 14 Films, MOCAK Museum of Contemporary Art, Krakau; Panorama, Kunsthaus Graz (2013).
Gruppenausstellungen (Auswahl):Moving Image Department – 6th Chapter: Inner Lives (of time), Nationalgalerie, Prag; Low-Budget Utopias, Museum of Contemporary Art Metelkova, +MSUM, Ljubljana (2016); Kyiv Biennial, Kiew; The Welfare State, M HKA, Antwerpen (2015); Soleil politique, Museion, Bozen; Manifesta 10, St. Petersburg; Report on the Construction of a Space Ship Module, New Museum , New York (2014);Monday Begins on Saturday, Bergen Assembly, Bergen; Leisure, Discipline and Punishment, 6th Contour Biennial, Mechelen (2013).    

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